Kurzfilmtournee 2017

Landstrich

Deutschland | 2017 | Experimentalfilm | deutsch | 29 min. | FSK 0
Deutscher Kurzfilmpreis für Experimentalfilm bis 30 Minuten Laufzeit
Regie, Kamera, Drehbuch, Zeichnung, Animation, Sprache: Juliane Ebner
Historische Beratung: Adam Kerpel-Fronius, Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Eine Geschichte über das Schweigen, Erinnern und Erzählen.
Der halbstündige, auf hunderten Zeichnungen basierende Kurzfilm „Landstrich“ handelt vom Schicksal einer deutschen Familie zwischen Kriegsende und Mauerfall. Er beginnt mit den Sätzen: „Nach dem Krieg hatte meine Großmutter schlechtes Gewissen, weil sie noch lebte. Ihr Mann hatte ihr eine Pistole gegeben und gesagt, wenn der Russe käme solle sie zuerst die Kinder und dann sich selbst erschießen, und das hatte sie nicht getan.“
Der Film ist wie alle Filme der Künstlerin Juliane Ebner biografisch inspiriert und nicht auf die offizielle Geschichtsschreibung, sondern auf die individuelle Wahrnehmung gerichtet.

Jurybegründung:
In 30 Minuten entwirft Landstrich ein detailliertes Familienpanorama, in dem „Großmutters schlechtes Gewissen“, versäumt zu haben, sich und die Kinder beim Eintreffen der Roten Armee mittels einer vom Wehrmachts-Ehemann zurückgelassenen Pistole zu richten, ursächlich wird für das Überleben der Familie und mithin für das Leben der Filmemacherin selbst. Juliane Ebner führt uns vor, was alles nicht geschehen wäre, hätte Großmutter keine Skrupel gehabt und abgedrückt. Ihre Mutter und deren deutsch-russischen Bruder, die Filmemacherin selbst und ihren Film - hätte es nicht gegeben. Vom Reichstagsbrand über die Euthanasie-Gesetze der Nazis, den Verwerfungen der letzten Kriegsmonate bis hin zur deutschen Teilung- diese ernste und zugleich augenzwinkernde oral-history entwirft ein Panorama, in dem Ursache und Wirkung, Politik, Zufall und Moral verschmelzen und sich ursächlich bedingen.
Im Brennpunkt Deutscher Geschichte und deutscher Geschichten leuchtet dieser seltene Film, der - vorgetragen in distanziert ironischem Duktus, der jegliche Betroffenheit ausklammert und uns erst damit betroffen macht, - den Weg einer Familie durch die Zeiten so messerscharf und mit tiefem Gefühl beschreibt, wie es nur große Filme können.

Juliane Ebner

In Stralsund geboren; Studium der Kirchenmusik; Examen an der Hochschule für Kirchenmusik Dresden; Organistin in Potsdam, Stralsund und Neumünster; Studium der Theologie, Christian-Albrecht-Universität Kiel; Studium der Freien Kunst; Diplom an der Muthesius-Kunsthochschule Kiel; Freie Künstlerin, Mutter dreier Kinder, arbeitet in Berlin und auf Rügen

Filmografie:
2017 Vom Wald her
2016 Nichts
2015 Künstlerkacke
2014 Kleine Dinger
2013 In der Mitte ein Loch
2012 Knallerbsenbusch
2009 Alles Offen