Kurzfilmtournee 2020

Fortschritt im Tal der Ahnungslosen

Deutschland 2019 • Dokumentarfilm • deutsch, arabisch • 67 Min. • FSK 0
Sonderpreis des Deutschen Kurzfilmpreises für Filme mit einer Länge von mehr als 30 bis 78 Minuten
Regie, Drehbuch: Florian Kunert
Kamera: Joanna Piechotta
Ton: Stefan Voglsinger
Schnitt: Ian Purnell, Florian Kunert
Protagonisten: Christian Tuschling, Gerda Tuschling, Majed Alsaed, Hasan Jamjoom, Heike Kunert, Uta Müller, Mohammed Hamdan, Salem Alkadro
Produktion: Stefan Gieren mit der Kunsthochschule für Medien Köln und Florian Kunert

Das sächsische Kombinat „Fortschritt“ stellte seit den 1960er Jahren Landmaschinen für die DDR her und lag im so genannten „Tal der Ahnungslosen“, wo kein Westfernsehen zu empfangen war. Überschattet von fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Dresden inszeniert Regisseur Florian Kunert in den Ruinen des Kombinats eine Begegnung zwischen jungen syrischen Flüchtlingen, die heute dort leben, und ehemaligen Werksarbeitern. In einem selbstorganisierten Integrationskurs lässt Kunert seine Protagonisten Erinnerungen an ihre verlorene Heimat aufleben. Dabei schafft er durch die Montage von Archivmaterial, das die einstige Freundschaft zwischen Syrien und der DDR zeigt, und zeitgenössischen Aufnahmen von Pegida-Versammlungen ein bemerkenswertes Dokument filmischen Erinnerns.

Jurybegründung
Integration ist ein schwieriger Prozess. Was kann Kunst da leisten? Der Dokumentarfilmer Florian Kunert initiiert ein Experiment. Im sächsischen Neustadt bringt er ehemalige Werksarbeiter des Landmaschinen-Kombinates „Fortschritt“ mit jungen Syrern zusammen. Die Flüchtlinge, die aus dem zerstörten Aleppo kamen, werden zeitweilig in der ehemaligen Fabrik untergebracht, die nun nur noch eine Ruine ist. Zwei Generationen, zwei Welten. Der Film aber interessiert sich für das Gegenteil. Mittels einer gewagten Methode legt der Regisseur die Gemeinsamkeiten frei. Episoden aus dem DDR-Alltag werden nachinszeniert, anverwandelt und neu dekliniert. Das ist überraschend, witzig, komisch – und manchmal auch eine Gratwanderung, die der Regisseur zu balancieren weiß. Florian Kunert gelingen in den Überblendungen von Realität und Inszenierung, Biografie und Weltgeschichte Momente von Mitmenschlichkeit und Hoffnung. Auf Ahnungslosigkeit kann sich niemand mehr berufen.
[DOWNLOAD] Stills & Regiebild

Florian Kunert

Studium Dokumentarfilmregie an der Escuela Internacional de Cine y TV (EICTV) in San Antonio de los Baños, Kuba, Diplom der Medialen
Künste an der Kunsthochschule der Medien in Köln. In Form von performativen Erinnerungsarbeiten sucht er nach alternativen Narrativen
der Vergangenheit, um neue Blickwinkel auf komplexe, soziale Phänomene der Gegenwart zu schaffen. Er lebte für ein Jahr in Indonesien
und drehte den Film OH BROTHER OCTOPUS, der seine Weltpremiere bei den Berlinale Shorts 2017 feierte und anschließend den Deutschen Kurzfilmpreis gewann. Sein erstes Langfilmprojekt FORTSCHRITT IM TAL DER AHNUNGSLOSEN feierte seine Weltpremiere in der Sektion Forum der Berlinale 2019 und befindet sich derzeit in Festivalauswertung.

Filmografie:
2013 DIE MEHRZAHL EINER PERSON
2012 POCO A POCO
2011 SHACK THEATRE
2017 OH BROTHER OCTOPUS